Bild: Sandra, 2013 (CC BY-NC-SA 2.0) https://www.flickr.com/photos/46427634@N06/11157898286/

Rezension: Andreas Jopp – Ich rauche gern…und hör jetzt auf!

Um mit dem Rauchen aufzuhören, braucht es Willenskraft. Natürlich. Aber kann ein Buch dabei helfen? Nichtraucher-Programme und vor allem -Bücher gibt es wie Sand am Meer. Grund genug, sich eines der am besten bewerteten Bücher auf Amazon genauer anzuschauen. Der Medizinjournalist und Autor Andreas Jopp verspricht: Nichtraucher werden in 30 Tagen – und zwar ohne etwas zu vermissen! 

Taschenbuch, 288 Seiten
Erscheinungsdatum: 07. November 2011 (3. Auflage)
Verlag: FISCHER Taschenbuch Verlag
ISBN-10: 3596192420

Ein Nichtraucher kann sich kaum vorstellen, wie schwer es tatsächlich ist, mit dem Rauchen aufzuhören. Die gesundheitlichen Risiken kennt jeder. Aber das ist ja auch nicht der Grund, warum Leute rauchen. Sie rauchen, weil sie gerne rauchen. Oder zumindest, weil sie das glauben, sagt Andreas Jopp.

Anschaulich und humoristisch statt abschreckend

In seinem Buch „Ich rauche gern…und höre jetzt auf!“ erklärt er sehr detailliert, was sich hinter diesem „Ich rauche gerne“ wirklich verbirgt. Natürlich: die Sucht. Wer hätte das gedacht. Aber Andreas Jopp erklärt die biochemische Abhängigkeit auf eine humorvolle, schon fast sarkastische Art und Weise, sodass es wirklich zum Nachdenken anregt. Offensichtlich war er selbst einmal Raucher und kennt daher die Problematik sehr genau. Also: Ist Rauchen wirklich nur ein Genuss? Wie gerne raucht ein Raucher wirklich? Ist es tatsächlich nur eine Gewohnheit?

„Ich esse zum Beispiel für mein Leben gerne Brokkoli. Trotzdem muss ich ihn nicht 20-mal am Tag essen. Ich habe auch nicht ständig unterwegs etwas Brokkoli dabei, um ihn zu knabbern und so meinen Brokkoliblutspiegel wieder anzuheben. Ich habe auch noch nie das Gefühl gehabt, dass ich anderen Menschen erzählen müsste, warum ich so gerne Brokkoli esse. Auch: Brokkoli essen kann ich einfach sein lassen, wenn ich es will. So ist das mit Gewohnheiten.“

(Andreas Jopp – Ich rauche gern…und hör jetzt auf!, S. 36)

Der Autor dieses Buchs kennt jedes Argument, jede Ausrede eines Rauchers – und er zerschmettert jede einzelne durch gut recherchierte Fakten. Ich komme ohne ZIgarette morgens nicht in die Gänge? Nein, du musst nur den übernacht entstandenen Nikotinabfall in deinem Blut ausgleichen. Die Zigarette beruhigt mich? Nein, du bist nur gestresst, weil du auf kurzzeitigem Entzug bist. Das „Wegrauchen“ des Entzugs empfindest du als beruhigend. Jopp erklärt die Zusammenhänge anschaulich – und damit überzeugt er seine Leser, statt sie zu überreden. Eine durchaus nachhaltige Herangehensweise.

Raucht ruhig weiter und beobachtet

Das Außergewöhnliche an diesem Buch: Andreas Jopp bittet seine Leser weiter zu rauchen, während sie dieses Buch lesen. Nur so können sie Gewohnheiten identifizieren und wirklich feststellen, was am Rauchen für sie das Wichtigste ist. Rauchen sie in typischen Situationen? Nur in Gesellschaft? Oder sind sie starke Raucher, die auf die erste Zigarette am Morgen ungerne verzichten?

Zusätzlich können die Leser sich von einer App (PlayStore) und einem Online-Programm unterstützen lassen. Und an dieser Stelle der erste Kritikpunkt: Das Basic-Online-Programm endet nach sechs Tagen. Am siebten Tag wird der Nutzer dazu aufgefordert, „für den Preis einer Kippenpackung“ (fünf Euro) das Premium-Programm zu buchen. Wer das nicht möchte, muss sich ab dann mit Buch und App zufrieden geben.

Neben der körperlichen Abhängig von Nikotin widmet Jopp ein ganzes Kapitel der Psyche: Hier geht es um typische Rauchmuster, den Alltag und den Situationen, in denen die Leser gerne rauchen. Ob die Zigarette zum Kaffee oder nach dem Essen – der Autor geht detailliert auf Routine-Situationen ein und versucht, seine Leser an dieser Stelle abzuholen. Und das gelingt ihm meines Erachtens gut!

Wenn ich nicht mehr rauche, nehme ich zu!

Falsch, sagt Jopp. Ihm habe dieses Thema in den meisten Nichtraucher-Büchern gefehlt. Aus diesem Grund widmet er ihm ebenfalls ein eigenes Kapitel. „Genial“, dachte ich. In Gesprächen mit anderen Rauchern war das ein immer wiederkehrendes Thema. Viele Raucher, die versuchen aufzuhören, greifen zu Süßigkeiten – denn auch mit Zucker lässt sich das eigene Wohlbefinden manipulieren.

In diesem Kapitel fasst Jopp einige nützliche Ernährungsweisheiten zusammen, die helfen sollen, nach dem Rauchstopp das Gewicht zu halten. Ab Kapitel 21 wurde ich jedoch etwas stutzig: „Mit Eiweiß satt und glücklich.“ Der Autor preist Eiweißshakes als perfekte Zwischenmahlzeit an. In Kapitel 22 erklärt er schließlich, dass Eiweißpulver definitiv auf die Einkaufsliste für den Rauchstopp gehört. Bitte was?

Zwei Fliegen mit einer Klappe?

Auf den zweiten Blick bekomme ich das Gefühl, dass Herr Jopp hier dezente Selbstvermarktung betreibt – nicht nur wegen dem Hinweis auf sein „Forever Young – Geheimnis Eiweiß“-Buch (S. 213). Auch ein Blick auf die Website des Autors verrät, dass er sich stark mit den Themen Ernährung und Nahrungsergänzungsmitteln beschäftigt. Zusätzlich tritt er in Magazinen wie Women’s Health als Experte für Eiweiß-Diäten auf.

Das Buch „Ich rauche gern…und hör jetzt auf!“ ist wirklich zu empfehlen. Es ist sauber recherchiert, einfühlsam und lustig geschrieben, regt zum Nachdenken an. In vielen Amazon-Bewertungen schreiben Leser, dass sie durch dieses Buch den Absprung geschafft haben. Dieser Eiweiß-Hype hat jedoch für mich einen negativen Beigeschmack. Mit reinen Ernährungstipps wäre ich glücklich gewesen – aber warum sollten sich Raucher, die versuchen ihre Sucht zu besiegen, künstlich erzeugte Pulver oder Nahrungsergänzungsmittel auf die Einkaufliste schreiben? Geht es nicht auch ohne?

Fazit

Trotz Proteinpulver-Empfehlung, die ich nicht unbedingt verstehe: Dieses Buch ist eine super Lektüre für Leute, die ihre Rauchgewohnheit hinterfragen wollen. Sie müssen nicht einmal bewusst aufhören wollen – einfach mal reinlesen, berieseln lassen und nachdenken. Die Liebe zum Detail, die sehr ausführliche Recherche und der angenehme Schreibstil von Andreas Jopp machen dieses Buch zu einem wirklich guten Ratgeber. Da kann ich auch über die Passagen, die sich immer wiederholen, hinwegsehen. Ist ja schließlich auch ein Stilmittel: Immer wiederholen, bis der Leser es sich eingeprägt hat.

Bewertung: ♥♥♥♥ (4/5)

 

Beitragsbild: Sandra, 2013 (CC BY-NC-SA 2.0) https://www.flickr.com/photos/46427634@N06/11157898286/

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